Bonuskapitel zwischen Teil eins und zwei

Das folgende kleine Bonuskapitel spielt zwischen Band 1 und 2 und hat es in keinen der beiden Teile von Othersides geschafft. Erin bricht gemeinsam mit ein paar anderen KKE-Mitgliedern zu ihrer nächsten Reise auf.

– ERIN –
Es war ein wirklich schöner Frühlingstag in Avanindra und sie hätten ihn auch genießen können, hätte der neunköpfigen Gruppe von der KKE nicht eine wilde und gefährliche Fahrt auf dem Ella bevorgestanden.
Das erste Stück von Brock aus hatten sie nicht auf dem Fluss zurückgelegt, denn er führte zu dieser Zeit Hochwasser und es gab starke Stromschnellen und kleine Wasserfälle. Stattdessen waren sie einem schmalen, felsigen Pfad am Rande der Schlucht gefolgt. Nun endete dieser an einem Kiesstrand. Drei lange, hölzerne Kanus standen dort bereit, wirklich einfache Boote, die keinen besonders stabilen Eindruck machten. Sowas käme den Maranes normalerweise nicht unter.
Da standen sie nun, eine bunt gemischte Truppe: Erin, Mariah und Felicitas aus Laguna Mar, Melethriel, Miranda, Sadwen und Ilya aus Agambea sowie Alima und Hadiya aus Jawhara.
»Bitte immer jemand mit Erfahrung zum Steuern nach hinten!«, wies Felicitas sie an. Erins ehemalige Professorin war von Thelal damit beauftragt worden, die Unternehmung zu leiten. Ursprünglich hätte Ilya das tun sollen, doch ihre Anführerinnen hatten sich in letzter Sekunde umentschieden.
»Sadwen, du nimmst Erin und Melethriel mit. Ilya, wie sieht es bei dir mit dem Paddeln aus?«
»Ich habe eher wenig Erfahrung …«
Felicitas stemmte die Hände in die Hüften. »Wir brauchen hier noch ein paar erfahrene Paddler. Alima, Hadiya?«
Die beiden Jawharanerinnen schüttelten die Köpfe. »Keine Erfahrung, leider«, antwortete Alima.
»Also, Ilya, sieht so aus, als müsstest du steuern. Ich übernehme das Boot von Miranda und Mariah.« Felicitas drückte ihm ein Paddel in die Hand.

Die Kobolde, die ihnen mit dem Gepäck geholfen hatten, stießen die drei Boote vom Ufer ab und winkten zum Abschied.
›Warum sehen die eigentlich so besorgt aus?‹, fragte Erin sich, während sie langsam mit der Strömung dahinglitten und sporadisch paddelten.
Sadwen, der elfische Magier, den sie in Brock kennengelernt hatten, war damit nicht zufrieden. Als Steuermann erteilte er weitere Anweisungen: »Bitte immer versetzt paddeln. Wenn Melethriel ganz vorn die Seite wechselt, wechseln wir alle durch. Außer natürlich, ich gebe euch eine Seite vor. Und ganz wichtig: Alle im Takt.«
Erin verstand den Aufwand nicht. Selbst wenn es hier Stromschnellen gab, dachte sie, dann konnten sie sich doch einfach etwas schneller treibenlassen, oder? Der vor ihnen liegende Abschnitt sah jedenfalls friedlich aus.
Weiter entfernt machte der Fluss jedoch eine Biegung und hier war etwas komisch: Erin vernahm ein lautes Plätschern von hinter der Kurve! Das verhieß nichts Gutes.
Als sie um die Ecke bogen, war das vorderste Boot ihrer Gruppe schon mittendrin in der ersten Stromschnelle. Es wackelte gewaltig auf den Wellen und drohte jeden Moment zu kentern. Miranda, Mariah und Felicitas paddelten, so schnell sie konnten, doch die Strömung trieb sie genau auf einen Felsen zu!
»Wir müssen in der Mitte bleiben!«, brüllte Sadwen über das immer lauter werdende Tosen hinweg. Das schien dem Boot vor ihnen nicht zu gelingen, die drei hatten nicht rechtzeitig reagiert und trieben trotz aller Bemühungen direkt auf den Felsen zu.
Zack, es war zu spät! Das Kanu kollidierte, kippte um und alle landeten im Wasser. Gepäckstücke, die sich gelöst hatten, trieben herum.
›Ach du Sch…‹, dachte Erin.
»Alle links paddeln!«, schrie Sadwen noch, dann wurden sie auch schon selbst von der Strömung erfasst. Sie schaukelten von Wellenberg zu Wellental, Wasser spritzte auf und Melethriel, die vorne saß, bekam die volle Ladung ab. Dabei paddelten sie wie besessen, um dem Felsen fernzubleiben. Näher und immer näher kamen sie ihm. Das Bild ihrer Vorgänger in die Netzhaut gebrannt, steigerten sie die Paddelfrequenz noch einmal. Erin schnaufte, lange konnte sie dieses Tempo nicht durchhalten.
Geschafft! Sie hatten den Felsen passiert. Doch es war noch nicht vorbei.
»Jetzt alle rechts paddeln!«, schrie Sadwen. Plötzlich wurden sie zur anderen Seite gezogen und mussten dagegen ankämpfen.
Erin verstand erst wieso, als sie ein ganzes Stück weiter in einem ruhigeren Bereich waren und sich umblickten. Das letzte Boot mit Ilya als Steuermann war direkt nach der Stromschnelle in einen kleinen Strudel geraten. Die drei trieben nun rückwärts gedreht auf der Stelle. Sadwen winkte ihnen und bedeutete ihnen, herzukommen.
Erin und Melethriel sammelten ein paar verlorene Gepäckstücke des gekenterten Boots ein. Seine Insassen hatten sich an einem kleinen Kiesstrand versammelt. Mariah bugsierte das Boot an Land. Glücklicherweise war es heilgeblieben.
Miranda beschwerte sich: »Wir hätten den Fußweg wählen sollen! Wer hat noch mal alles für den Fluss gestimmt?«
»Mit etwas mehr Strömung als gewöhnlich ist hier unten natürlich zu rechnen gewesen«, beschwichtigte Sadwen sie, »aber wenn man es richtig angeht, ist es kein Problem. Außerdem haben wir jetzt keine Wahl mehr. Stromaufwärts kommen wir nicht und die Schlucht werden wir auch nicht erklimmen.« Er deutete auf die Felswände, die hunderte von Metern zu beiden Seiten in die Höhe ragten.
»Oh, wir sind geliefert!« Miranda warf verzweifelt die Arme in die Luft.
»So schlimm ist es nicht. Vier, fünf Stromschnellen, dann sind wir durch.« Sadwen gab nun noch einmal allen genaue Anweisungen, wie sie sich zu verhalten hatten. Danach ging es weiter, sein Boot diesmal vorne weg.

Das mit den vier, fünf Stromschnellen entpuppte sich als Untertreibung. Am Ende hatten sie deutlich mehr zu passieren und selbst dann, wenn sie gerade nicht in einer mittendrin waren, gab es immer Strömungen, die sie zur rechten oder linken Seite trieben und sie mussten ständig dagegen anpaddeln. Schließlich kamen noch fiese Fallwinde hinzu, die ihnen entgegenwehten und sie gegen die seitlichen Wände drückten, so stark, dass sie irgendwann kein bisschen mehr vorwärtskamen. So fanden sie sich kurz vor einer Biegung des Flusses allesamt an der Felswand aufgereiht vor. Hin und wieder versuchte eine Gruppe, sich abzustoßen und mit aller Kraft voran zu paddeln, doch es half nichts: Kaum waren sie aus dem Windschatten heraus, wurden sie schon wieder zurückgetrieben.
Langsam waren auch ihre letzten Kräfte aufgebraucht. Erin wurde immer unruhiger. Wie sollte das nur ausgehen? Hier gab es keine Rettungsroboter wie in Laguna Mar, die einen jederzeit aus einer brenzligen Situation holen konnten!
»Jetzt reicht es aber!«, fluchte Miranda. Sie drehte sich zu Ilya um und meinte: »Kannst du nicht endlich mal etwas machen gegen diesen verflixten Wind? Wozu haben wir denn einen Hajari dabei?«

– ILYA –
Ja, das konnte er durchaus. Er vermied es zumeist, unnötig Magie anzuwenden, denn es kostete Energie. Aber hier war es wohl nötig und – das hatte er fast vergessen – er hatte ja jetzt den Zauberstab!
Ilya dachte kurz nach, dann beschwor er eine Wand aus Luft herauf, die die Fallwinde einige Meter vor ihnen ableitete und über ihre Köpfe hinweggleiten ließ. Sofort hörte das Brausen in ihren Ohren auf und der Druck ließ nach. Sie konnten weiterpaddeln.

Eine Biegung machte der Fluss noch, dann öffnete sich die Schlucht und sie befanden sich endlich wieder in freiem Gelände. Unschuldig und versöhnlich schlängelte sich der Ella nun zwischen seicht ansteigenden Hügeln hindurch. Alle atmeten auf. Ein Stück hatten sie aber noch vor sich bis nach Eldessar, wo sie auf ein größeres Boot umsteigen sollten, und da sie alle schon ziemlich erschöpft waren, half Ilya mit ein wenig Rückenwind nach.

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