Leseprobe

aus Othersides: Zwei Welten

Hier könnt ihr den Prolog und die ersten zwei Kapitel von Othersides: Zwei Welten lesen. Wenn ihr sie lieber auf Kindle, Tolino & Co. laden wollt, gibt es unter diesem Link eine 80-seitige Leseprobe als E-Book (mobi oder epub) zum Download.

Prolog

Erin starrte auf den Fetzen Papier, der aus dem ansonsten leeren Karton gefallen war. Worte in einer geschwungenen Handschrift zogen sich darüber. Mit zittrigen Fingern hob sie ihn auf und begann zu lesen.

Erin, hast du noch das Medaillon deiner Mutter? Bitte trage es immer bei dir. Ich weiß noch nicht, was es zu bedeuten hat, aber ich bin dabei, etwas herauszufinden.
Bitte schreibe mir nicht mehr über MarChat. Möglicherweise werden unsere Nachrichten überwacht. Veränderungen stehen an, leider nicht zum Guten. Sei vorsichtig!
Bis bald.
Herzlichst,
Dein Leo

Sie ließ sich auf ihr Bett sinken und drehte den Zettel zwischen den Fingern. Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf, doch sie konnte sie nicht stellen. Auf dem Paket war keine Absender-ID vermerkt.

Erstes Kapitel

– IN LAGUNA MAR –
Erin lauschte dem stetigen, leisen Brummen der Belüftungsanlage, während sie auf dem Bett lag und in die Dunkelheit starrte. Ihr Zimmer im Internat von Antibique war geräumig und verfügte über die üblichen Annehmlichkeiten. Eine Seite des Raumes wurde komplett von einer Videofensterwand eingenommen. Noch war sie in einem undurchdringlichen Schwarz getönt, doch bald würde sie hell werden. Dann würde sie Erins Tagesplan anzeigen und ihr Vorschläge machen, was aus dem Sortiment ihres katalogisierten und automatisierten Kleiderschrankes sie anziehen sollte – natürlich passend zum Wetter. Nicht, dass sie an einem gewöhnlichen Tag auch nur für fünf Minuten das Gebäude verließ.
Die Vorschläge, oder besser gesagt Vorschriften, würden selbstverständlich dem Maranischen Standard entsprechend nur die Farben Blau, Weiß und Silber enthalten. Sie würden ihr an ihrem Avatar vorgeführt werden, der irgendwie nie so verschlafen aussah wie ihr echtes Ich.
Statt auf den üblichen Ablauf zu warten, stand Erin auf und riss das kleine, quadratische Fenster inmitten der großen Glasfront auf. Sofort erklang ein nerviges Piepsen, gefolgt von der Lautsprecheransage: »Achtung! Luftregulation unterbrochen! Bitte schließe das Fenster.«
Sie fragte sich, warum man es überhaupt öffnen konnte.
Draußen dämmerte es schon. Das Meer erstreckte sich ruhig und graublau bis zum Horizont, darüber färbte sich der Himmel von Weiß-Blau zu Rosa. Bald würde die Sonne aufgehen. Erin betrachtete die Szenerie eine Weile, dann streckte sie ihren Kopf etwas weiter aus dem Fenster und schaute an der verspiegelten Fassade entlang: hundert Stockwerke hinunter, hundert Stockwerke hinauf, kein einziges Fenster offen.

Wenig später betrat sie den Aufzug. Sie bewegte ihre Augen schnell nach oben rechts, um das Menü ihrer AR-Linsen aufzurufen, fixierte den Punkt Frühstück und bestellte ArtLachs-Brötchen. Dann schaute sie auf ihr Radar, um festzustellen, ob ihre Freunde schon im Frühstückssaal waren. Kleine blaue Kreise tauchten am Rande ihres Sichtfelds auf und markierten die Positionen von Delano und Livina.
Alle Aufzüge öffneten sich direkt in die riesige Halle. Aus vierzig nebeneinanderliegenden Türen ergossen sich Studenten in den Raum. Sie ordnete sich in den Strom ein, vorbei an endlosen Reihen aus Tischen und Stühlen, die hin und wieder durch dekorative Elemente unterbrochen wurden: Virtuelle Wasserfälle, die von der zehn Meter hohen Decke direkt in den Boden hinein stürzten. In der Mitte des Raumes begrüßte sie ein riesiger Brunnen, dessen Wasserfontänen immer wieder kleine Werbeanzeigen herausspringen ließen.
Nicht schon vor dem Frühstück! Sie aktivierte ihren Werbeblocker. Dann folgte sie den blauen Pfeilen, die ihr den Weg zum Tisch ihrer Freunde wiesen.
»Morgen Cici!«, rief Delano mit einem Grinsen. Er hing mehr in seinem Stuhl, als dass er saß.
»Ich heiße Erin«, entgegnete sie, wie schon so oft. Erin Cécile Maresota, um genau zu sein. Die anderen wollten das nicht einsehen, aber konnte sie es ihnen verübeln? Erin war schließlich kein Maranischer Name. Er kam aus dem verhassten Norden und, mal ehrlich, wer wollte schon mit denen in Verbindung gebracht werden?
Erin für ihren Teil mochte ihren Namen und kämpfte recht erbittert, aber leider meist erfolglos dafür, so genannt zu werden. Schließlich stammte er von ihrer Mutter.
Ivirinia Maresota starb, als Erin drei Jahre alt war. Sie konnte sich nicht daran erinnern. Schlimmer noch, Erin konnte sich überhaupt nicht an ihre Mutter erinnern.
Man sagte, sie habe anders ausgesehen und sich seltsam benommen. Mehrfach sei sie verschwunden und erst nach langer Zeit wiederaufgetaucht. Schließlich habe sie einer ihrer »Ausflüge« das Leben gekostet. In der Nähe der Grenze sei sie in Seenot geraten, ihr Schiff gesunken und niemand habe überlebt. Erins Vater Flavio redete nicht über das tragische Unglück. Er redete generell nicht über Ivirinia. Überhaupt redeten Erin und ihr Vater wenig, denn er wohnte in der weit entfernten Seestadt Caracol.
Erin war, zumindest was ihr Aussehen betraf, eine typische Maranerin. Sie hatte ein schmales Gesicht mit vollen Lippen und war von relativ großer, schlanker Statur. Gut, ihre schwarzen Haare waren glatt, was unter ihren Landsleuten eher selten vorkam. Doch sie hatte die typischen Augen, so dunkelblau wie der Ozean weitab von allen Küsten. Kaum jemandem fiel auf, dass ihre Haut ein kleines bisschen heller war als die der meisten.
»Setz dich hier her, Erin!« Livina deutete auf den Platz neben sich. Sie strahlte Erin aus ihren dunklen Augen an. Die unbändigen schwarzen Locken umspielten ihr rundes Gesicht so wie die Grübchen ihr Lächeln. Sie waren schon seit der Mittelschule befreundet.
Auf Livinas anderer Seite saß Ramón Cortez, wie immer eine Spur overdressed, was nicht wirklich zu der chaotischen Frisur und dem Dreitagebart passte. Erin mochte ihn nicht. Er war faul, arrogant und gab oft rassistische Bemerkungen von sich. Sie war überzeugt, dass er mit dem nach seinem Sturz vor zweihundertfünfzig Jahren verschwundenen Diktator Carlos Cortez verwandt sein musste, obschon er das jedes Mal, wenn man ihn darauf ansprach, entschieden abstritt. Leider war er nicht so einfach loszuwerden. Er war Delanos bester Kumpel und hatte ein Auge auf Livina geworfen.
Zu Erins Überraschung saß heute noch eine weitere Person am Tisch, eine junge Frau mit kurzen, schwarzen Rastazöpfen.
»Giii, ich bin Mariah«, stellte sie sich mit einem breiten Grinsen vor, das strahlend weiße Zähne entblößte, der größtmögliche Kontrast zu ihrer Maranisch-dunklen Haut.
»Mariah kommt aus Nivilossa«, erklärte Livina. »Sie ist zum Semesterstart zu uns gewechselt. MarChat hat sie uns als Freundin vorgeschlagen.«

Die neue Kommilitonin war nicht die einzige Veränderung in diesem Semester. Bei genauerer Betrachtung ihres Stundenplanes stellte Erin fest, dass sie eine neue Professorin in Philosophie bekommen hatte.
Sie stöhnte. Auf all diese Vorlesungen hatte sie so gar keine Lust, denn im Grunde war es immer das Gleiche: In Geschichte würden sie über die Blau-Grünen Kriege und die Wichtigkeit der Mauer »diskutieren«. Sie schütze das Südreich, bestehend aus Laguna Mar und Jawhara schließlich vor einem Einfall der brutalen Nordstaatler. Dann würden sie darüber philosophieren, was die Überlegenheit der Maranischen Rasse gegenüber allen anderen ausmacht, um schließlich über das mangelnde Kunstverständnis und die lächerlich entarteten Kunstwerke der Nordlinge herzuziehen. Maranische Politikwissenschaft war wirklich nicht das, was sie sich unter dem beliebten Studienfach vorgestellt hatte.

* * *

Im Geschichtssaal nahm Erin ihren angestammten Platz neben Livina in der hintersten Reihe ein. Sie ließ ihren Blick über die Köpfe schweifen. Hinter dem Pult zeigte die Videofensterwand eine riesige Maranische Flagge, die sich im sanften Wind bewegte: eine silberne Muschel auf blauem Grund. Die restlichen Fenster waren transparent geschaltet und zeigten die Gebäude der Umgebung. Türme aus Glas und Stahl, die direkt aus dem Meer ragten.
»Was gibt’s Neues von der Studentenvereinigung?«, flüsterte Erin Livina zu.
»Nicht viel, aber nächste Woche ist wieder Rooftop-Party, da solltest du unbedingt vorbeischauen.«
»Habe ich da was von Rooftop-Party gehört?«, kam es von vorne. Delano drehte sich neugierig zu ihnen um. »Auf einer solchen Party darf ein Delano Costa-Mandia nicht fehlen, nicht wahr, Cici?«
Er reckte den Kopf in einer dynamischen Bewegung, die die blau gefärbten Haare aus seiner Stirn zurückwarf und erwartete eine Bestätigung.
»Hör mal, Lani, ich heiße Erin!«, stellte sie wieder einmal klar.
Augenblicklich fiel er in sich zusammen.
Livina verdrehte nur die Augen.

Als ihr Geschichtsprofessor den Raum betrat, verstummten die Studenten augenblicklich. Er kam direkt zur Sache.
»Wie wär’s, wenn mir mal einer von euch die Vorteile der großen Mauer nennt?«
Sofort schnellte Naomi Delvins Hand in die Luft und wie immer wurde sie direkt drangenommen.
Mit der Präzision eines Roboters betete sie die offizielle Meinung herunter.
»Die große Mauer dient dazu, unser Staatsgebiet ganz klar vom Nordreich abzugrenzen. Außerdem schützt sie uns vor einem unerwarteten Angriff dieser Kreaturen. Auf einer abstrakteren Ebene steht sie für die Abgrenzung unseres fortschrittlichen Denkens von den zurückgebliebenen Denkweisen des Nordens.«
»Sehr gut!« Der alte Professor lächelte zufrieden und faltete die Hände im Schoß.
Die Vorlesung verlief genauso, wie Erin es erwartet hatte. So langsam fragte sie sich, wozu sie überhaupt noch herkam.

* * *

In Kunst saß Erin an einem der dreißig runden Tische mit Ramón, Livina und Delano. Als der Kunstprofessor hereinkam, war Ramón mal wieder dabei, einen am Galgen hängenden Nordreichler zu zeichnen. Er hatte dabei besonderen Wert auf Details wie fahle, fleckige Haut, spitze Giftzähne und tentakelähnliche Arme gelegt, was Delano sehr zu amüsieren schien. Er bestand darauf, dass Ramón ihm auch noch eklig hervorstehende Glupschaugen verpasste.
»Stellt euch mal vor, die Nordreichler würden im Kunstunterricht sitzen und euch so zeichnen!«, zischte Erin.
Ramón verschränkte die Arme vor der Brust. »Die kennen uns ja gar nicht.«
»Und du sie auch nicht. Woher willst du also wissen, wie sie aussehen?«
»Genau, Ramón!«, warf Livina ein. »Mach erst mal ‘ne Reise dorthin. Ich habe gehört, da soll es jede Menge Wald geben.«
»Ja und Bäume, die Menschen fressen!«, lachte er.
Bäume, die Menschen fressen, so ein Quatsch! Erin schüttelte den Kopf.
Ihr aktuelles Kunstthema war es, den Unterschied zwischen den Nord- und Südstaaten in einer Bleistiftzeichnung darzustellen. Dazu sollten sie in einer Hälfte etwas typisch Südstaatliches und in der anderen etwas typisch Nordstaatliches zeichnen.
Ramón hatte sich schon etwas überlegt: Er wollte auf der einen Seite eine hübsche Villa und auf der anderen eine schäbige Holzhütte zeichnen. Welche Seite wofür stand, bedurfte keiner weiteren Erklärung.
Delano indes wollte es sich besonders leicht machen. Er hatte bereits eine Seite Meeresblau und die andere Waldesgrün ausgemalt, als Erin ihn daran erinnerte, dass nur Bleistiftgrau erlaubt war.
Nun musste er sich etwas Neues einfallen lassen.
Er stupste sie mit seinem Stift an. »Mensch Cici, sag mir doch mal, was ich zeichnen soll!«
»Ich habe noch nicht einmal eine Idee für mein eigenes Bild!«, protestierte sie.
»Mal doch … mich! Als Beispiel für einen wunderschönen Maraner.«
»Na toll und was soll dann auf die andere Seite?«
»Ramón! Als ein hässlicher Nordreichler!«
Die Runde konnte sich das Lachen nicht verkneifen.
»Halt die Schnauze!«, zischte Ramón. »Als wenn ich auch nur die winzigste Ähnlichkeit mit diesen Zombies hätte!«
»Hast du schon mal so einen solchen ›Zombie‹ gesehen?«, fragte Erin. Wie oft musste sie eigentlich noch die gleiche Diskussion führen?
»Nein«, entgegnete er, »und das will ich auch ganz bestimmt nicht.«
Ihr Professor hatte lange genug zugehört. »Seid doch endlich still!«, rief er. »Ihr sollt arbeiten, nicht reden. Euch ist schon klar, dass am Ende dieser Stunde Abgabe ist?«
»Verdammt!«, kam es von allen Seiten.
Erin wurde langsam nervös, denn ihr fiel einfach nichts ein!
»Das ist doch ein ganz schön bescheuertes Thema!«, rief sie lauter, als sie beabsichtigt hatte. Alle Köpfe drehten sich zu ihr um. »Ja, ist doch wahr!« Das musste eigentlich jedem klar sein! »Wir sollen hier etwas typisch Nordreichisches zeichnen, obwohl wir noch nie dort waren. Es wird ja jede Menge über diese Länder erzählt. Aber wenn man dann mal nachfragt, woher so manch einer dieses scheinbare Wissen hat, heißt es nur ›das sagen alle‹, ›das steht im Landesnetz‹ oder ›das ist halt so‹.«
Herr Giordano schaute peinlich berührt im Raum umher. »Ihr sollt eben das zeichnen, was ihr euch unter den Nordländern vorstellt. Seid ein wenig kreativ.«
»Schön!«, schnaubte Erin. »Dass das nichts Gutes ist, ist ja klar, bei dem, was man uns hier einbläut!«
Sie hatte genug davon. Und wahrscheinlich dachten die Nordreichischen auf der anderen Seite der Mauer genauso von ihnen!

Zweites Kapitel

– IN AGAMBEA –
»Bläuliche Haut, dünne, verfilzte Haare, Schwimmhäute zwischen den Fingern. Woher wollt Ihr das wissen?« Ilya Berklavs war außer sich vor Wut. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. »Einmal sagt Ihr, die Südstaatler seien machtgierig, gerissen, listig und nur darauf aus, uns zu unterwerfen. Dann aber heißt es, sie seien stumpfsinnige, glitschige Wesen, die sich nur unter Wasser wohlfühlen. Ihr widersprecht Euch selbst. Nichts wisst Ihr, das ist es doch!« Sein Herz pochte schnell, denn er wusste, dass er zu weit gegangen war.
»Berklavs, es reicht!«, schrie Dabolins. »Diese dreckigen Völker sind von Grund auf bösartig. Jeder weiß, dass sie uns unterwerfen und versklaven wollten. Ihr werdet die nächsten drei Wochen nachsitzen, auch samstags! Und glaubt ja nicht, dass ich mich vor Eurem Titel beuge, ich meine es ernst. Euer Vater wird Euch nicht mehr da rausholen. Setzt Euch jetzt hin.« Als Ilya keine Anstalten machte, sich zu setzen, drohte er: »Ich kann Euch auch das ganze Jahr nachsitzen lassen, überlegt es Euch gut.«
Es hatte keinen Sinn, er musste gehorchen. Er ließ sich auf den unbequemen Stuhl sinken, hatte aber Mühe, ruhig zu bleiben. Die anderen Schüler kicherten hinter vorgehaltener Hand. Aber was wussten die schon? Sie saßen hier oben in dem reich mit Holzschnitzereien verzierten Klassenraum und glaubten dem alten Lehrer jedes Wort. Neben dem eichenen Pult stand die Agambeanische Flagge, ein weißer Baum auf grünem Grund.
Sein Blick fiel durch die kleinen, bunten Fensterscheiben nach draußen. Die umliegenden Bäume erschienen verzerrt und waren kaum zu erkennen. Wie durch so ein Fenster, dachte er. Wie durch so ein Fenster sehen wir sie. Da konnte man eine Menge hineininterpretieren. Waren das da an dem Baum nur im Wind wehende Blätter oder Vögel, die dort nisteten? Er selbst wusste nichts darüber, was sich hinter dieser Mauer befand, nichts außer dem, was ihm hier erzählt wurde. Aber Wahrheiten waren es bestimmt nicht. Er ballte die Fäuste unter der Tischplatte.

– IN LAGUNA MAR –
»Erin, es reicht jetzt! Bitte setz dich wieder hin und bring deine Zeichnung zu Ende.« Der Kunstprofessor war aufgesprungen und stand nun direkt vor ihr.
»Wie Sie wollen.« Langsam, wie in Zeitlupe, ließ sie sich auf ihren Stuhl sinken und verschränkte die Arme vor der Brust.
Am Ende der Stunde gab sie ein weißes Papier mit dem Titel »Südreich im Nebel und Nordreich im Schneesturm« ab.
»Die Idee war Marano-genial«, lobte Delano sie, während sie den Flur entlang zu den Aufzügen gingen. Er hatte schlussendlich eine Zeichnung mit Wellen und Bäumen abgegeben.
Erin überlegte schon, was für einen Film sie in Philosophie schauen sollte, um die immer gleiche Vorlesung zu überstehen. Doch es sollte eine Überraschung auf sie warten.

* * *

»Guten Morgen, ich bin Felicitas Sanchez«, stellte sich die neue Professorin vor, während sie schnellen Schrittes den Raum durchmaß. Die für den Posten relativ junge Frau hatte die langen, schwarzen Haare zu einem strengen Zopf gebunden und trug die übliche Uniform, bestehend aus einem weißen Overall mit silbernen Applikationen. Nur ein Detail stach hervor und da musste Erin zweimal hinsehen: Aus ihrer Brusttasche ragte ein grünes Einstecktuch. Wer trug heutzutage etwas so Altmodisches, noch dazu in Grün?
Zunächst wies die neue Professorin sie an, alle Sessel in einem Kreis aufzustellen. Dann wurde es noch eine Spur seltsamer. Sie forderte die Studenten auf, ihre Knochenschall-Kopfhörer abzunehmen. Nur widerwillig entfernte Erin die kleinen runden Geräte und ließ sie in die Hosentasche gleiten. Das war’s dann wohl mit dem Filmschauen.
Schließlich setzte sich die Neue, zur Verwunderung vieler, selbst mit in die Runde und schlug eine kleine, blaue Mappe auf. »Der Lehrplan verlangt, dass wir uns im Rahmen der Anthropologie damit beschäftigen, was den Unterschied zwischen den Blau- beziehungsweise Südreichischen und den Grün- beziehungsweise Nordreichischen ausmacht. So wie sich der Mensch von den Tieren abhebt, sollen sich auch die Südreichischen von den Nordreichischen abheben.«
›Es geht schon wieder los‹, dachte Erin.
»Oft wird behauptet, die Maranes und Jawharanes seien die am höchsten entwickelten Wesen. Das begründet man mit den fortschrittlichen Technologien, die wir zu entwickeln im Stande waren. Die Nordreichischen, heißt es, seien uns weit unterlegen, da es sich bei ihnen um eine niedere Spezies mit kleineren Gehirnen und geringerer Auffassungsgabe handele. Man sagt, sie würden ihre Umwelt ganz anders als wir, viel mehr wie Tiere, wahrnehmen. Nun, ich weigere mich, diesen Quatsch zu unterrichten.«
Sie schlug die Mappe zu. Plötzlich lag extreme Spannung in der Luft.
Als sie weiterredete, hörten ausnahmslos alle zu. »Noch vor etwas mehr als dreihundert Jahren waren die fünf Länder dieses Kontinents vereint. Laguna Mar, Jawhara, Dairivon, Avanindra und Agambea. Damals gab es noch keinen großen Unterschied zwischen Süden und Norden. Ja, es gab die fünf Völker, die sich in ihren Gewohnheiten und teilweise auch in ihrem Aussehen unterschieden, doch man lebte friedlich miteinander. Niemand wäre auf die abwegige Idee gekommen, dass eines der Völker besser sei als ein anderes.
Unsere damaligen Herrscher waren über mehrere Generationen hinweg miteinander verwandt, stammten von denselben ersten Siedlern dieses Kontinents ab! Sie hatten sich im sogenannten ›Bund der Fünf‹ zusammengeschlossen. Enya von Laguna Mar, von der Liano-Dynastie, war zu dieser Zeit ihre gemeinsame Königin. Die Hauptstadt des Kontinents lag damals ebenfalls auf Maranischem Boden, in Liano Tega. Doch nicht alle waren davon begeistert. Die nördlichen Staaten befürchteten, Laguna Mar könnte zu mächtig werden. Böse Zungen auf beiden Seiten, darunter der Maranische Regierungsberater Cortez, behaupteten, dass die anderen Völker ein Komplott gegen den Bund planten und die Macht über den gesamten Kontinent an sich reißen wollten. Solche Gerüchte verbreiteten sich in weiten Teilen der Bevölkerung und ließen Argwohn aufkommen. Alle Fünf schickten Spione in die jeweils anderen Länder, was das Misstrauen weiter erhöhte. In dieser Zeit verdächtigte jeder jeden.
Dann wurde Königin Enya ermordet und der Regierungsberater Carlos Cortez nahm ihren Platz in einer Übergangsregierung ein, die zu einer Diktatur werden sollte.
Die Meinungen darüber, wer die Königin ermordet hatte, waren unterschiedlich.«
»Was?«, unterbrach Naomi. »Es weiß doch jeder, dass es dieser Anwar war.«
»Das ist die Seite der Geschichte, die wir kennen, richtig. Sie lautet, dass Anwar von Dairivon die Königin auf einem gemeinsamen Ausflug hier an den westlichen Felsenküsten Laguna Mars ermordet haben soll. Enya hatte weder Kinder noch Geschwister, was ihren Cousin Anwar zum rechtmäßigen Thronfolger machte.«
Wieder unterbrach Naomi: »Die waren verwandt?! Ein Nordstaatler und eine Maranerin?«
»Wie ich bereits erwähnte, die Herrscher der fünf Länder waren alle mehr oder weniger eng miteinander verwandt. Sie hatten dieselben Vorfahren und es war auch nicht unüblich, dass Vertreter der Fürstenhäuser untereinander heirateten.«
»Igitt«, kommentierte Ramón.
»Der Teil der Geschichte, den beide Seiten bestätigen würden, lautet, dass Anwar für den Mord an Königin Enya verurteilt und hingerichtet worden ist.
Die Sicht des Nordens auf die Ereignisse ist jedoch eine andere als unsere: Dort heißt es, Carlos Cortez habe Enya ermordet und die Tat Anwar angehängt, damit Cortez selbst Herrscher Laguna Mars und des gesamten Kontinents werden konnte.
Die Nordstaaten Dairivon, Agambea und Avanindra erkannten Cortez jedoch nicht als rechtmäßigen Herrscher an und schlossen sich gegen ihn zusammen. Sie erklärten Anwars Sohn Tristan zu ihrem König.
Jawhara dagegen schloss sich Laguna Mar und Cortez an.
So hatten sich die Parteien, die im Blau-Grünen Krieg gegeneinander kämpfen würden, bereits herausgebildet.
Es bedurfte nur noch eines kleinen Funkens, um das große Feuer zu entfachen. Dies geschah, als Agambeanische Soldaten auf der Maranischen Seite der Grenze gesichtet wurden.
Diktator Cortez zögerte nicht lange und griff an. Diesen Teil kennt ihr zur Genüge. Der Krieg dauerte fünf Jahre und sollte keinen Sieger hervorbringen. Nach langen und unermüdlichen Kämpfen mit hohen Verlusten waren beide Parteien am Ende ihrer Kräfte. Sie vereinbarten die Einstellung aller Kampfeshandlungen und errichteten gemeinsam, ja, gemeinsam, die Mauer, die bis heute Süden und Norden voneinander trennt.«
»Schwachsinn!«, rief Ramón.
»Es würde zu Cortez passen«, entgegnete Livina, »und es klingt plausibel.«
Frau Sanchez fuhr derweil fort: »Lasst uns nun zu unserem eigentlichen Fach, der Philosophie zurückkehren. Wir haben also herausgefunden, dass wir alle Eins waren und es heute noch wären, hätte uns nicht der hinterlistige Plan eines Diktators auseinandergetrieben. Diese wichtige Erkenntnis haben viele vergessen oder verdrängt. Der Hass ist zu stark, um uns unserer gemeinsamen Wurzeln zu erinnern.
Ja, nun gibt es also diejenigen, die behaupten, die Maranes seien allen anderen Völkern überlegen. Sicher, äußerlich sieht es so aus, als seien wir weiter entwickelt. Wir verfügen über Rechenmaschinen, während in den Wäldern von Agambea noch Rechenschieber benutzt werden, mit genau einer Funktion, wohl gemerkt: einfachste Rechenaufgaben lösen. Wir reisen in komfortablen UVB-Shuttles, während man sich in den grünen Hügeln von Avanindra angeblich noch auf Pferdekutschen verlässt. Die Nordreichischen verfügen weder über Elektrizität noch über fließend Wasser, vergesst erst recht Landesvernetzung, Zentralsteuerungskomfort, Identitätschips und alles, was ihr sonst noch für selbstverständlich haltet!«
Ein Raunen ging durch die Runde.
»Doch so befremdlich und unvorstellbar das auch im ersten Moment klingen mag, ich bin überzeugt, dass die Menschen im Norden sich auch weiterentwickelt haben, nur in eine andere Richtung als wir. Es soll dort zum Beispiel sehr begnadete Heiler geben, die abgetrennte Gliedmaßen in wenigen Stunden nachwachsen lassen können. Und einige unter ihnen können ganz ohne eingebaute BioCom über weite Entfernungen miteinander kommunizieren.«
»Das klingt aber alles sehr vage.« Naomi hatte die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt. »Haben Sie irgendwelche Beweise dafür?«
»Leider war auch ich noch nicht dort, um es herauszufinden«, antwortete die Professorin mit einem gewitzten Lächeln auf den Lippen. Erin hätte fast wetten können, dass das gelogen war!
Eine nachdenkliche Stille trat ein, die erst nach einigen Minuten von Livinas leiser Stimme unterbrochen wurde. »Dann hassen wir die Nordreichler völlig umsonst?«
»Die Nordreichischen zu hassen ist eine Denkweise«, erklärte Frau Sanchez langsam und deutlich, »die uns unsere Eltern und der Staat von klein auf eingetrichtert haben. Unsere Eltern haben sie von ihren Eltern gelernt, und die wiederum von ihren. Du hast schon recht, wir hassen sie ›umsonst‹, denn am Ende verlieren wir alle nur dadurch. An Freiheit und an Erfahrungen. Im Grunde sind wir doch sehr arm, denn wir kennen nur unsere eigene Kultur.«

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