Leseprobe

aus Rückkehr nach Issedoreth

Hier könnt ihr den Rückblick und die ersten Kapitel von „Rückkehr nach Issedoreth“ lesen. Eine Leseprobe von Teil 1 (Othersides: Zwei Welten) findet ihr hier.

Erin

Ich duckte mich unter einem Luftstoß hinweg und stolperte hinter den nächsten Baum. Mein Herz hämmerte in meinem Brustkorb. Diesmal ließ er mir keine Zeit zum Verschnaufen. Ein Feuerball raste an mir vorbei, die Hitze konnte ich nur zu deutlich spüren.
›Tu etwas‹, dachte ich.
Ich versuchte, mich zu konzentrieren, die Energie wahrzunehmen, die in dem Stab gefangen war, den ich bei mir trug. Doch sofort war da wieder die Erinnerung an hinabstürzende Felsbrocken. Die Erinnerung an das, was passiert war, als ich die Kontrolle verloren hatte.
»Worauf wartest du?«, fragte er. Seine Stimme war ganz nah.
Ich kann das nicht.
Du musst. Es darf nicht noch einmal passieren.
Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Das Laub raschelte unter seinen Sohlen. Jetzt oder nie!
Ich hob meine Hände, konzentrierte die Energie aus dem Stab an einem Punkt zwischen meinen Handflächen und sah zu, wie sich ein kleiner Feuerball formte. Schweiß trat auf meine Stirn, während ich versuchte, ihn größer werden zu lassen. Ich würde mehr als das brauchen. Doch jetzt war er nur noch wenige Schritte entfernt.
Ich trat aus der Deckung heraus.
Bevor ich irgendetwas tun konnte, wurde ich von einer Luftwand nach hinten geschleudert und landete auf dem erdigen Waldboden.
Ich rappelte mich auf. Wut kochte in mir hoch und diesmal schaffte ich es viel schneller, einen Flammenball zu formen. Ich wollte ihn gerade abfeuern, da umschloss mich eine unnachgiebige Schicht aus komprimierter Luft. Sie drückte mich nach hinten, immer weiter und weiter, bis ich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm stieß. Das Feuer in meiner Hand erlosch mit einem Zischen.
Ilya überbrückte die letzten Meter zwischen uns, griff durch seine Luftwand und fixierte mich mit der einen Hand, während er mir mit der anderen sein Schwert an die Kehle hielt.
»Schon wieder verloren«, stellte er fest. »Du solltest dich ein wenig mehr anstrengen.« Seine grünen Augen funkelten mich herausfordernd an. Eine Strähne seines dunkelblonden Haars hatte sich aus dem Zopf gelöst und kitzelte mich im Gesicht.
Ich konnte mich nicht rühren und vielleicht wollte ich es auch nicht. Seine Hand drückte meine Schulter. Die Wärme, die von ihr ausging, verursachte mir eine Gänsehaut.
Er ließ das Schwert sinken. Sein Blick hielt mich weiter gefangen. Ich spürte seinen Atem in meinem Gesicht. Mein Herz machte einen Satz. In meinem Kopf aber wurden die Zweifel laut. Ein Teil von mir wollte ihm nahe sein, doch ein anderer konnte ihm noch immer nicht vertrauen. Nicht ganz. Wenn er mich jedoch so ansah  …
Ilya schien sich eines Besseren zu besinnen, machte einen Schritt weg von mir und ließ mich los. »Genug für heute. Lass uns einpacken, wir müssen weiter.«

Rückblick

– ERIN –

Bevor ich hierher in den Norden kam, hatte ich nichts als eine Vermutung, dass da mehr war. Mehr als die Lügengeschichten über ein Volk von Hinterwäldlern und Monstern, die man uns in meiner Heimat Laguna Mar erzählt.
Vielleicht habe ich schon immer geahnt, dass meine Mutter nicht bloß eine Maranerin war, die sich der gängigen Volksmeinung widersetzt hatte. Um die Wahrheit über sie zu erfahren, musste ich einen weiten Weg gehen.
Inzwischen weiß ich, was sie von den anderen unterschieden hat. Sie war ein Mischling aus zwei Welten. Ihre Mutter stammte aus dem hoch technologisierten Süden. Ihr Vater jedoch kam aus dem naturverbundenen Norden, dem Landstrich, den man mich zu hassen gelehrt hat.
Er war dort nicht irgendwer, nein, mein Großvater war ein Hajari, einer der mächtigsten Magier des Nordens. Und meine Großmutter war die Erbin der letzten Königin Laguna Mars.
Eine solche Verbindung durfte es nicht geben. Also hielten sie sie geheim.
Was hat das Erbe meiner Großeltern mit mir zu tun? Der Süden ist keine Monarchie mehr, und die Magier des Nordens sterben allmählich aus. Doch wir alle stehen unter einem Fluch, beide Welten, beide Seiten der Mauer, schon seit vielen Generationen.
Es begann mit dem Schwarzmagier Yhadomorr de Reys.
Als erster Sohn des Herrschers über den geeinten Kontinent sah er sich als dessen Nachfolger. Doch er war ein uneheliches Kind und sein Vater heiratete eine Prinzessin der Elfen, mit der er zwei weitere Kinder bekam. Konkurrenz, die Yhadomorr nicht beseitigen konnte, denn sie wurden durch die Magie ihrer Mutter geschützt.
So säte er stattdessen Zwietracht zwischen seinen Halbgeschwistern und zwischen deren Kindern. Er sorgte dafür, dass der Kontinent innerhalb von nur zwei Generationen in Norden und Süden und in die fünf Länder Laguna Mar, Jawhara, Dairivon, Avanindra und Agambea zerfiel.
Aber das war ihm noch nicht genug. Yhadomorr schürte Hass, verursachte Kriege und sorgte dafür, dass der Norden und der Süden sich immer mehr voneinander abschotteten. Fortan entwickelten sich die Länder in ganz unterschiedliche Richtungen.
In Laguna Mar wird alles vom Staat gesteuert, auch die Meinung über den Norden. Wäre meine Mutter nicht bei einem zweifelhaften Schiffsunglück an der Grenze zu unserem Nachbarland umgekommen, wäre ich vielleicht nie in den Norden aufgebrochen.
Doch es ist passiert und die Ereignisse nahmen ihren Lauf.
Ich lernte ein Land kennen, das mir mehr als einmal die Sprache verschlagen hat. Die wundersamen Orte, die beeindruckende Natur und selbstverständlich die Magie können mehr als wettmachen, was hier im Norden an Technologie fehlt.
Klar vermisse ich es manchmal, einfach in einen UVB-Shuttle zu steigen  – hier benutzt man noch Pferdekutschen! Aber das alles hat mir auch geholfen, die Welt mit anderen Augen zu sehen und zu erkennen, was wirklich wichtig ist.
Nicht zuletzt bin ich hier Menschen begegnet, die etwas verändern wollen. Menschen, die Yhadomorrs Propaganda keinen Glauben mehr schenken. Ich fand sie in den Reihen der KKE, einer Gruppe, die für die Wiedervereinigung des Kontinents kämpft.
Einer von ihnen ist Ilya.
Was uns verbindet, kann ich nur schwer in Worte fassen. Zuerst war da diese Anziehung, die von beiden Seiten auszugehen schien. Die Faszination des Unbekannten. Vielleicht war ich naiv, aber für mich spielte es keine Rolle, dass er anders als ich aussah und aus einem fremden Land – einer fremden Welt – stammte. Er hatte damit allerdings ein Problem.
Ilya ist nicht irgendwer. Er ist der Anführer der Hajari-Magier, und er war gefangen in den Konventionen, die die Gesellschaft ihm auferlegt hat. Gerade als er anfing, sich mir gegenüber zu öffnen, passierte etwas, das das zart gesponnene Band zwischen uns aufs äußerste strapazierte. Morpheus, mein verschollener Großvater und ebenfalls Hajari, trat in mein Leben und erzählte mir von meiner Abstammung.
Plötzlich war ich nicht nur selbst eine Magierin, sondern auch eine Prinzessin, womit ich einen deutlich höheren Rang innehatte als Ilya.
Nicht, dass ich über Nacht in ein Schloss gezogen wäre und mein eigenes Land regiert hätte – Laguna Mar interessierte sich nicht für mich.
Dennoch trieb dieser Titel einen Keil zwischen Ilya und mich. Ich glaubte, er habe sich von mir abgewendet, weil er mich nicht mehr in seine Pläne einweihte. Als er mir völlig überraschend vorschlug, einen magischen Bund mit ihm einzugehen, war ich misstrauisch. Der Schwarzmagier Émile redete mir ein, dass Ilya damit einzig und allein das Ziel verfolge, mir meine Kräfte zu stehlen. Ich glaubte seinen Worten und floh mit ihm.
Eine gemeine List, wie sich später herausstellte. Émile entführte mich ins Hauptquartier der KEN, der Gruppe, die Yhadomorr im Norden gegründet hatte, um die Bevölkerung zu beeinflussen und an Macht zu gewinnen.
Yhadomorr selbst verlangte, dass ich mich ihm anschloss. Würde ich es nicht tun, sollte ich sterben.
Bei dem Versuch, mich zu befreien, wurde Ilya gefangen genommen. Nur mit Morpheus‘ Hilfe konnten wir entkommen. Doch mein Großvater schaffte es nicht mehr raus. Er starb im Kampf gegen Yhadomorrs Schwarzmagier.
Ich wünschte, ich hätte es verhindern können. Wenn ich nur die Magie schon besser beherrscht hätte, wäre das niemals passiert!
Alle sagen mir, ich hätte großes Talent. Aber machen wir uns nichts vor: Gegenüber Leuten wie Ilya fehlen mir mehr als zehn Jahre Erfahrung. Und Yhadomorr werde ich niemals ebenbürtig sein. Er ist hunderte von Jahren alt. Manche behaupten, er sei unsterblich.
Ich habe ihn gesehen: Halb Mensch, halb Maschine bedient er sich der ungeheuren Energiereserven des größten Vulkans unseres Kontinents. Es ist das über Generationen hinweg gesponnene Geflecht aus Lügen, Intrigen und Propaganda, das ihm wahre Macht verleiht.
Denn er herrscht längst nicht nur im Norden durch die KEN. Auch im Süden, in Laguna Mar und Jawhara, hat er Gruppen etabliert, die den Hass gegen die jeweils anderen schüren und die Menschen unter dem Deckmantel der Sicherheit immer skrupelloser überwachen.
In Laguna Mar ist das alles so weit vorangeschritten, dass ich nicht mehr weiß, wie ich mit meinen eigenen Landsleuten reden könnte, ohne in Schwierigkeiten zu geraten.
Ein einziges Mal bin ich in meine Heimat zurückgekehrt, mit ein paar Leuten von der KKE. Wir wurden angegriffen, unser Schiff wurde versenkt und die Nordreichischen wurden inhaftiert. Mit viel Glück schafften wir es, sie zu befreien und zu fliehen.
Damals glaubten wir, zumindest ein paar Maranes wachgerüttelt zu haben. Heute bin ich mir da nicht mehr sicher. Monica, unsere Verbündete vor Ort, hat uns berichtet, dass alles noch viel schlimmer geworden ist.
Was ist Yhadomorrs Ziel?
Ich denke, er will nicht nur der mächtigste Mann des Kontinents sein. Er ergötzt sich am Hass und liebt es, zu manipulieren.
Deshalb hat er uns, die Erben der fünf Nationen, verflucht, auf dass unsere Länder für immer Feinde bleiben.
Ich weiß nicht, wie sein Fluch gebrochen werden kann, kenne nicht einmal seine genauen Auswirkungen. Aber ich weiß, dass er uns Erben vernichten will, damit der Fluch auf ewig fortbesteht.
Jetzt, da ihm klar ist, dass ich mich seiner Gruppe nicht anschließen werde, wird er keine Sekunde mehr zögern.
Hier stehe ich nun und klammere mich an meine letzte Hoffnung: die Vermutung meines Großvaters, man müsse alle fünf Erben ausfindig machen und zusammenbringen, um den Fluch zu brechen. Er hat mir nicht viel hinterlassen – nur einen Brief, der mich erneut zu dem halb zerfallenen, von Efeu und Sumpfgras umwucherten Haus einer seltsamen alten Frau geführt hat.

Erin, wenn du das hier liest, dann bin ich nicht mehr.
Aber verzage nicht, du bist nicht allein. Es gibt mehr, viel mehr von uns! In den vergangenen Jahren habe ich zahlreiche Magierinnen und Magier ausgebildet. Für den Fall, dass mir etwas zustößt, habe ich einer guten Freundin Anweisungen erteilt. Sie wird alle versammeln.
Geht zu Frau Purins, sie wird euch erwarten.

Herzlichst,
Dein Morpheus

Erstes Kapitel

– ERIN –

Frau Purins‘ Haus strahlte eine Düsternis aus, die mir noch immer einen Schauer über den Rücken jagte. Die dunklen Fenster wie Schlünde, die zerrissenen Samtvorhänge wie Zähne.
Doch diesmal war es schon dunkel und ein warmes Licht brannte in einem der Fenster.
Die Haustür schwang mit einem Knarren auf, noch bevor Ilya die Hand heben konnte, um anzuklopfen. Sie hatte uns erwartet.
Mit einem sanftmütigen Lächeln führte Frau Purins uns in das Wohnzimmer. Wie bei unserer letzten Begegnung trug sie die schwarzgrauen Haare zu einem akkuraten Knoten gebunden.
Auf dem Tisch brannte eine einsame Kerze. Nachdem wir auf den altmodischen, roten Sesseln Platz genommen hatten, begann sie zu sprechen.
»Ihr habt es also hergeschafft. Ich hätte mir einen fröhlicheren Anlass für ein Wiedersehen gewünscht, aber so sei es.« Sie seufzte. »Morpheus ist von uns gegangen. Ein größerer Verlust, als die meisten begreifen werden.« Ihr finsterer Blick streifte Ilya, der betreten wegsah. »Doch sein Wissen und seine Macht sind nicht verloren. Nicht ganz. Er hat in den letzten Jahren einige Magiebegabte zu Hajari ausgebildet.« Ilya rutschte unruhig auf seinem Sessel herum. Er schien etwas sagen zu wollen, ließ es dann aber sein.
»Lange haben sie sich bedeckt gehalten. Doch sie sind bereit, ins Licht zu treten, wenn sie gebraucht werden. Ich werde sie zusammenrufen.« Frau Purins erhob sich. »Und da ist noch etwas. Erin?«
Ich blickte überrascht auf.
Langsam schritt sie zu dem Bücherregal, das neben einem riesigen Wandteppich in die Holzvertäfelung eingelassen war, und holte ein kleines, ledergebundenes Buch hervor.
Sie reichte es mir mit den Worten: »Aufzeichnungen über seine Recherchen.«
Ich nahm es entgegen und schlug es auf. Die geschwungene Handschrift erkannte ich sofort. Ihr Anblick ließ einen Kloß in meiner Kehle entstehen. Ich schluckte ihn herunter.
Mit klopfendem Herzen überflog ich die Seiten. Alles drehte sich um Yhadomorr.
Ilya rückte zu mir herüber, um mir über die Schulter zu schauen. Obwohl wir nun schon einige Zeit zusammen reisten, machte mich seine Nähe noch immer nervös. Da lag so viel Unausgesprochenes zwischen uns, seit wir aus den Fängen des Schwarzmagiers entkommen waren. Ich schob den Gedanken beiseite, um mich ganz auf das zu konzentrieren, was ich da vor mir hatte.
Morpheus hatte Yhadomorrs Spur über den gesamten Kontinent verfolgt, Orte markiert, an denen er gewirkt hatte, Personen notiert, die er für seine Anhänger und Kollaborateure hielt. Und er hatte versucht, mehr über diesen ominösen Fluch herauszufinden. Eine Zeile, die er unterstrichen hatte, fiel mir ins Auge:

Zu jedem Fluch gibt es einen Wortlaut.

Ich las darunter weiter.

Wer diesen kennt, kann ihn umgehen – oder brechen. Jeder Fluch ist ein Pakt. Y. nutzt Schwüre, um seine engsten Gefolgsleute an sich zu binden. Doch es gibt Menschen, die dem entkommen konnten. Sie kannten den genauen Wortlaut und fanden ein Schlupfloch.
Er muss den Fluch laut ausgesprochen haben, vermutlich, als alle Erben versammelt waren. Vielleicht haben sie nicht einmal erkannt, was in dem Moment geschehen ist.
→ Aufzeichnungen von Königin Fayelin Isadore und ihren Kindern überprüfen

Danach folgte eine Liste von Archiven und Bibliotheken. Die meisten Einträge waren durchgestrichen, was mich vermuten ließ, dass er dort nicht fündig geworden war. Nur die letzten drei waren noch übrig.
Ilya zeigte mit dem Finger auf einen davon: »Hier sollten wir beginnen.«
Ich sah ihn zweifelnd an. »Wollten wir nicht zuallererst den Stab und das Schwert mit Energie aufladen?«
Er zuckte mit den Schultern. »Das können wir verbinden.«
Ich blätterte weiter. Unter der Überschrift »Spekulationen« hatte mein Großvater mehrere Stichpunkte vermerkt. Wieder fiel mir einer besonders auf:

– Vermutlich müssen die fünf Erben zusammenkommen, sich zusammenschließen. Sie gemeinsam haben irgendeine Macht, die Yhadomorr fürchtet. Ich wüsste zu gern, welche.

»Mmm«, überlegte Ilya, »etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht. Gut, dass wir die anderen auf die verbliebenen zwei Erben angesetzt haben. Ich gehe davon aus, dass ihr vollzählig sein müsst.«
»Und ihr müsst Yhadomorr zuvorkommen«, fügte Frau Purins hinzu und rief uns ins Gedächtnis, wie schwierig diese Aufgabe war. Dennoch huschte die Andeutung eines Lächelns über ihr Gesicht. »Vielleicht habt ihr Glück. Die alten Schutzzauber verbergen die Erben nur vor ihren Feinden. Wenn eure Verbündeten in guter Absicht kommen, sollten sie leichter zu finden sein. Wer fehlt euch denn noch?«
Ilya zögerte. Er vertraute ihr nicht. Ich nickte ihm aufmunternd zu. Jetzt war nicht die Zeit für Geheimnisse. Wir brauchten jede Hilfe, die wir bekommen konnten.
»Erin ist die Erbin Atheas«, begann er, »wir kennen die Erbin Dhalias und den Erben Fioras‘.« Er schluckte, sicher in Gedanken daran, wie wir dem Betrüger Émile aufgesessen waren, der sich für den Erben aus Dairivon ausgegeben hatte. Dabei hatten wir Iverem, den wahren Erben, schon längst gefunden gehabt. »Es fehlen also noch die von Evan aus Avanindra und Eira aus Agambea.«
Frau Purins nickte gedankenverloren und ging hinüber zu dem Wandteppich neben dem Bücherregal.
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das verschlungene Kunstwerk zeigte den Stammbaum einer Königsfamilie. Bei meinem letzten Besuch hier hatte ich ihm kaum Beachtung geschenkt. Aber heute  … ich erhob mich. Das musste ich mir genauer ansehen.
»Die Irigarays« stand ganz oben in dunkelblauen Lettern. So hatten die Herrschenden Avanindras geheißen.
Frau Purins fuhr mit dem Finger die feinen Linien und Verzweigungen nach, unablässig murmelnd.
»Verflixt«, sagte sie, »er ist unvollständig. Die letzten zwei Generationen fehlen.« Sie stemmte die Arme in die Hüften. »Natürlich konnte er nicht mehr weitergeführt werden. Er ist schon zu lange im Besitz meiner Familie.« Behutsam legte sie ihre Hand auf den Stoff und schloss die Augen. »Und doch  … es ist kein gewöhnlicher Gobelin. Er hat eine Verbindung zu den Irigarays.« Sie wendete sich mir zu. »Einen Versuch ist es wert. Erin, berühre den Stoff.«
»Wie?« Ich schaute sie verdutzt an.
»Nur zu. Er wird nicht beißen.«
Kopfschüttelnd streckte ich meine Finger danach aus. Er war rau, kratzig.
»Was spürst du?«
Zuerst gar nichts. Dann war da doch etwas  … der Wandteppich schien  … zu flüstern! Erschrocken zog ich die Hand zurück.
Frau Purins warf mir einen vielsagenden Blick zu und nickte.
Ich atmete tief durch und berührte den Stoff erneut. Wenn ich mich darauf konzentrierte, konnte ich eine Folge von Worten verstehen.

Wir bergen ihr Geheimnis,
für immer ihr Sein,
doch frage uns ehrlich,
und wir weihen dich ein.

Der Teppich sprach in Reimen! Ich konnte mir ein Augenrollen nicht verkneifen. Wenn ich es jedoch richtig verstanden hatte, musste ich ihn nur fragen.
»Lieber Teppich«, begann ich im Flüsterton. Ein bisschen komisch kam ich mir vor. Aber ich hatte schon so viel Verrücktes im Norden erlebt, dass das hier mich auch nicht mehr aus der Fassung bringen konnte. »Lieber Teppich, meine Absichten sind ehrlich, würdest du mir bitte verraten, wer der wahre Erbe der Irigarays ist?«
Das Flüstern hob erneut an.

Wir würden so gerne,
doch vermögen wir’s nicht,
zu schützen die Sterne,
ist unsere Pflicht.

Frau Purins sah mich fragend an.
Ich zuckte mit den Schultern. »Er kann es mir nicht verraten, obwohl er ›so gerne‹ würde. Er muss ›die Sterne‹ schützen.«
»Mmm.« Die alte Frau rieb sich das Kinn und betrachtete den Teppich noch einmal von oben bis unten. »Die Sterne, die Sterne  – ja! Hier!« Sie deutete mit dem Finger auf einen Namen. Daneben prangte eine silberne Blüte in Form eines Sterns. Unter den Kindern der Person fand sie noch einen markierten Namen, unter den Enkeln ebenfalls.
»Das müssen die wahren Erben sein«, folgerte Frau Purins und betrachtete den untersten mit einer Sternblume versehenen Eintrag. »Wir suchen also einen Nachkommen einer gewissen Gwendolyn Lujain. Wart ihr auch schon zu diesem Schluss gelangt?«
Ilya schüttelte den Kopf. »Was den avanindrischen Erben  – oder die Erbin  – anbelangt, sind wir noch nicht so weit. Das muss ich so schnell wie möglich Thelal berichten.«
Über seine telepathischen Fähigkeiten stand Ilya in regelmäßigem Austausch mit Eryl und Keryl, den mental begabten Sekretärinnen unserer Anführerinnen Thelal.
Eigentlich hatten sie uns gleich bei unserer ersten Kontaktaufnahme nach der Flucht aus Yhadomorrs Hauptquartier zurück auf die Burg Leoweni beordert. Ich hatte mich geweigert, denn zuletzt hatten sie mich an einen ›geheimen, sicheren Ort‹ bringen und so lange dort einsperren wollen, bis alle fünf Erben gefunden waren. Nach einer wortreichen mentalen Diskussion hatten sie Ilyas und meine Entscheidung akzeptiert, zuerst unsere Magiespeicher aufzuladen. Auch den Begleitschutz, den sie uns schicken wollten, hatten wir abgelehnt  – viel zu auffällig. Letztendlich brachten uns ein paar Soldaten nichts, wenn wir es mit Schwarzmagiern zu tun hatten. Magiebegabte, seien es nun Elfische oder Hajari, hatten wir in unseren Reihen einfach viel zu wenige.
Umso mehr brauchten wir Frau Purins‘ Kontakte.
»Was denkst du, Erin?«, fragte Ilya und riss mich damit aus meinen Gedanken. Er lächelte, wohl wissend, dass ich nicht zugehört hatte. »Wo soll sie Morpheus‘ Magierinnen und Magier hinschicken? Zu Thelal? Es wird eine Woche dauern, sie zu versammeln.«
»Sollten wir nicht auf sie warten? Vielleicht können uns ein paar von ihnen begleiten?«
Ilya schüttelte den Kopf. »Zu riskant. Eryl und Keryl sollen sie zuerst überprüfen.«
Ich verkniff mir ein Schnauben. Morpheus hatte das mit Sicherheit schon getan. Aber Ilya schien momentan sehr überzeugt von seiner Vertraue-niemandem-Strategie.
Ich seufzte und nickte Frau Purins zu. »Thelal dann.«
Ilya hatte sich bereits erhoben und strebte auf die Tür zu, gefolgt von unserer Gastgeberin.
Beim Verlassen des Raumes fiel mein Blick ein weiteres Mal auf den Wandteppich. Wie beiläufig strich ich über den Stoff.
Ich war überrascht, festzustellen, dass er mir noch etwas zu sagen hatte.

Es ist nicht mehr fern,
du wirst es schon seh‘n,
zu dir kommt der Stern,
musst nicht zu ihm geh‘n.

»Kommst du?«, fragte Ilya. Er hatte sich zu mir umgedreht und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Ist noch was?«
Ich schüttelte den Kopf, ließ den Gobelin los und folgte ihm.
Seine Information behielt ich erst einmal für mich. Vielleicht hatte der Teppich seine Gründe, nicht vor versammelter Runde damit herauszurücken  …
»Schon bald werdet ihr Verstärkung erhalten«, versicherte Frau Purins uns, als wir vor ihrer Tür standen, »vielleicht sogar durch das ein oder andere bekannte Gesicht.« Sie lächelte wissend und ich fragte mich, wen sie damit wohl meinte.

*

Während wir schweigend nebeneinanderher ritten, wanderten meine Gedanken immer wieder zu Ilya. Wie ich ihn für einen Verräter gehalten hatte, der darauf aus war, mir meine Kräfte zu stehlen. Hätte ich ihm mehr vertraut, wäre ich nie in Yhadomorrs Fänge geraten, und Morpheus würde noch leben.
Ich sollte Ilya vertrauen. Und doch hatte ich nach wie vor das Gefühl, dass er nicht ganz ehrlich zu mir war.
Unsere Reise führte uns auf schmalen Pfaden an einen Ort, an den ich mich in letzter Zeit oft zurückerinnert hatte: Meridia. Der Ort, an dem wir uns zum ersten Mal geküsst hatten, im Steinteich. Damals, als ich noch nicht gewusst hatte, wer er war  – geschweige denn, wer ich war.
Die Bäume um uns herum wurden immer gigantischer und der Boden verwandelte sich in einen samtweichen Moosteppich. Ich atmete die Waldluft tief ein. Es konnte nicht mehr weit sein.
Ilya folgte den winzigen Symbolen, die für mich kaum erkennbar in die Baumrinden geritzt waren.
Als die Büsche sich über uns zu einem Blätterdach zusammenschlossen, mussten wir von den Pferden absteigen. Anstatt sie weiter mit sich zu führen, nahm Ilya ihnen die Satteltaschen ab und hängte sie sich um. Er flüsterte ihnen etwas zu, woraufhin sie umdrehten und den Weg, den wir gekommen waren, zurücktrotteten.
»Wo gehen sie hin?«, fragte ich.
»Zu den Stallungen. Zuvor vielleicht noch auf einer Lichtung grasen. Das habe ich ihnen freigestellt.«
Ich musste schmunzeln. Ilya war im wahrsten Sinne des Wortes ein Pferdeflüsterer.
Wir liefen den grünen Tunnel weiter entlang und mit jedem Schritt, bei dem meine Sohlen das weiche Moos berührten, wurde mir leichter ums Herz. Ich liebte diesen Ort.
Schließlich kamen wir zu einem Vorhang aus grünen Ranken. Ilya ließ mir den Vortritt. Ich schob die Pflanzen zur Seite und sah die kleine Lichtung mit dem Teich voller Seerosen vor mir. Anders als bei unserem letzten Besuch im Frühjahr erstrahlten die Bäume in einem tieferen, dunklen Grün, das hier und da schon rot oder gelb schimmerte. Die Seerosen standen in voller Blüte, und zahlreiche Hummeln und Libellen schwirrten durch die angenehm warme Nachmittagsluft. Wobei – Seerosen? Ganz sicher war ich mir da nicht.
»Sind das eigentlich auch Schwimmrosen?«, fragte ich.
Ilya warf mir ein strahlendes Lächeln zu, das zu einer wohligen Wärme in meiner Magengegend wurde. Dann ergriff er meine Hand und ging mit mir auf das Seeufer zu.
Er kniete sich hin und hob eine der Pflanzen aus dem Wasser. Sie hatte weder Stiel noch Wurzeln.
»Schade, dass du schon weißt, was sie vermögen«, sagte er, »ein paar mehr Waldelfen würden diese dunklen Zeiten sicher erhellen.«
Ich bezweifelte, dass eine Waldelfe etwas gegen Yhadomorr ausrichten konnte. Die Erinnerung an das magische Wesen, das entstanden war, als ich ganz unbedarft zum ersten Mal an einer Schwimmrose gerochen hatte, erfüllte mich dennoch mit Zuversicht. Ich wusste jedenfalls, was ich mir wünschen würde, wenn ich sie das nächste Mal traf.
Ilya legte die Blüte behutsam ins Wasser zurück. Wir machten uns auf den Weg in den Wald hinein.
Obwohl die Sonne noch nicht untergegangen war, umfing uns düsteres Zwielicht. Doch es dauerte nicht lange, bis mitten in dem tiefen Grün die ersten Lampen aufflammten.
Immer mehr der kleinen, kunstvoll gearbeiteten Laternen säumten unseren Weg, und weit über uns in den Baumgabelungen tauchten die ersten Häuser auf.
Ich seufzte beim Anblick der winzigen, strohgedeckten Holzhäuschen, in deren Buntglasfenstern warmes Licht flackerte. Hier war die Welt noch in Ordnung.
Als wir an die steinerne Wendeltreppe gelangten, die hinauf auf die Galerien und Hängebrücken führte, blieb Ilya stehen und schaute mich erwartungsvoll an.
»Entzünde die Lichter«, sagte er, »ohne den Stab diesmal.«
Ich berührte das Geländer, wie er es damals getan hatte, und reichte im Geiste zu den Öllaternen hinaus. Es tat sich nichts.
Vielleicht musste ich die Augen schließen, um mich besser auf mein Ziel konzentrieren zu können? Ich atmete tief ein und aus und nahm die Umgebungsluft wahr, entzog ihr einen großen Teil der spätsommerlichen Wärme und konzentrierte sie an den Dochten.
War es schon genug?
»Sachte, sachte!«, rief Ilya.
Ich blinzelte. Die Dochte brannten lichterloh, Ruß schwärzte die Glasscheiben. Schnell entzog ich ihnen etwas Energie und brachte sie dabei fast wieder zum Erlöschen.
»Ist schon gut«, unterbrach mich Ilya und trat vor. »Das reicht fürs Erste. Du musst lernen, die Energie besser zu dosieren. Wir werden das an Kerzen üben.«
›… damit du nicht noch etwas kaputt machst‹, beendete ich seinen Satz in Gedanken. Es wäre nicht das erste Mal.
Seit wir Yhadomorrs Fängen entkommen waren, übten wir täglich. Das hatte ich ihm versprechen müssen. Im Gegenzug hatte er mir den Kristallstab gegeben, der einst meinem Großvater gehört hatte. Er war ein Energiespeicher. War er erst aufgeladen, würde ich über viel größere Kräfte verfügen können als jetzt.
Ilya hatte Angst vor diesem Tag. Das sah ich ihm an, auch wenn er es nicht offen zugab. Verübeln konnte ich es ihm nicht. Ich musste noch so viel lernen und zweifelte oft daran, dass ich es rechtzeitig schaffen würde. Rechtzeitig, bevor ich Yhadomorr oder seinen Gefolgsleuten das nächste Mal gegenüberstehen würde. Was jederzeit passieren konnte.
Nein, ich schob den Gedanken beiseite. Nicht hier. Nicht jetzt.

Als wir Ilyas Baum erreichten und die knorrige, aus einem Ast gewundene Treppe zu der Plattform heraufstiegen, übernahm er es selbst, die Lichter zu entzünden.
Ich konnte nur zusehen und staunen, wie eine elfenverzierte Laterne nach der anderen zum Leben erwachte. Zu guter Letzt leuchtete das Buntglasfenster in dem kleinen Windfang auf.
»Lass uns unsere Sachen reinbringen und vor dem Abendessen noch eine Runde schwimmen gehen«, schlug er vor.
Durchgeschwitzt von dem langen Tag und irgendwie nach Pferd stinkend, konnte ich seinem Plan absolut nicht widersprechen.

Der kleine Steinteich war sogar noch schöner, als ich ihn in Erinnerung hatte. Dichtes, sattes Grün umschloss uns wie in einer Höhle, und am gegenüberliegenden Beckenrand plätscherte es fröhlich aus dem löwenkopfähnlichen Wasserspeier. Die Lichter in den Blätterwänden waren durch den kräftigen Bewuchs gedimmt, doch die kleinen Holzschiffchen, die Kerzen trugen, leuchteten so hell wie eh und je zwischen den Ansammlungen aus Schwimmrosen.
Diesmal fing ich erst gar keine Diskussion um Badeetikette an, sondern begann sofort damit, mich zu entkleiden.
Ilya tat es mir gleich. Mir entgingen die verstohlenen Seitenblicke nicht, die er mir gelegentlich zuwarf.
Nachdem ich meine gesamte Kleidung am Beckenrand abgelegt hatte, stieg ich über die steinerne Treppe ins Wasser.
Es war angenehm warm und ich genoss es, wie die sanften Wellen meinen Körper umspielten. Ich breitete die Arme aus und schwamm ein paar Züge.
Als ich von der Treppe her ein Plätschern hörte, blinzelte ich zu Ilya herüber.
Er watete langsam durchs Wasser und schaute auf irgendeinen Punkt neben mir. Ich sah ihm an, dass er mal wieder eine dieser Phasen hatte. Wollte das denn nie enden?
»Was ist?«, fragte ich. Genauso gut hätte ich ihn in Gedanken fragen können, doch die telepathische Kommunikation nutzten wir seit den Ereignissen in Yhadomorrs Hauptquartier nur noch selten. Ich hatte das Gefühl, dass es Ilya unangenehm war, weil ich mittlerweile recht gut darin war.
Sein Blick war verlegen.
»Komm her«, sagte ich und streckte die Hände nach ihm aus.
Erst war ich mir nicht sicher, ob er darauf eingehen würde. Doch dann ergriff er sie und ließ sich von mir näher an sich heranziehen. Knapp vor mir blieb er stehen, unsere Körper nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, die Gesichter einander zugewandt. Ich spürte die Wärme, die von ihm ausging, und widerstand dem Drang, die letzte Distanz zu überwinden, streifte mit einem flüchtigen Blick seine Lippen.
»Vergiss einmal alles«, sagte ich, »vergiss, wer ich bin, vergiss, wer du bist. Lass uns einfach nur zwei Menschen sein.«
Er hob meine Hand vor seine Brust, verschränkte behutsam die Finger mit meinen. Der Farbunterschied war nicht zu übersehen, aber ich fand ihn wunderschön.
»Kannst du es denn vergessen?«, fragte er mich.
›Natürlich!‹, wollte ich antworten, doch ich spürte, wie sich ein Kloß in meiner Kehle bildete. Ich wollte zurück zu der Zeit, bevor Émile mich entführt hatte. Als wir uns unsere Liebe gestanden und gehofft hatten, wir würden einen Weg finden, zusammen zu sein. Zu der Zeit, bevor ich erfahren hatte, wer ich war und in welcher Gefahr ich dadurch schwebte. Aber ich konnte noch immer nicht vergessen, wie betrogen ich mich gefühlt hatte, als Ilya mit dem Vorschlag für den Bund auf mich zugekommen war.
Er hatte mir mittlerweile erklärt, was ich daran falsch verstanden hatte, und ich wusste, dass Émile mich nicht nur mit Worten, sondern auch mit einem magischen Trank beeinflusst hatte. Dennoch konnte ich nicht vergessen. Noch nicht.

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